Faktencheck: Wolfsgruss und Rabbiagruss extremistisch?

Faktencheck: Wolfsgruss und Rabbiagruss extremistisch?

Bei seinem Besuch in Berlin hat der türkische Präsident Erdogan Anhänger mit der sogenannten Rabia-Hand begrüßt, bei der alle Finger bis auf den Daumen abgespreizt werden. Der „Islamist“ Erdogan macht den Rabbiagruss. Ist der Gruss daher als islamistisch einzuordnen?

Unmittelbar nach dem Massaker auf dem Rabia-al-Adawija-Platz galt der Rabbiagruss als Solidaritätsbekundung mit den Opfern. Der Name des Platzes stammt eigentlich von einer Sufi-Heiligen des 8. Jahrhunderts, doch bedeutet Rabaa auf Arabisch auch “vier” – daher der Vierfingergruß. Als türkischer Ministerpräsident rief Erdogan 2011 Ägypten zu einer Trennung von Religion und Staat auf. Außerdem forderte er die politischen Kräfte auf, den Staat nach dem Sturz des Regimes zu modernisieren. Selbst die aktuelle -vermeintlich säkulare- Verfassung Ägyptens bezieht sich nach wie vor auf die Scharia. In der türkischen Verfassung ist der Laizismus fest verankert. Unter Erdogan wurden die sehr strengen Regelungen aufgeweicht aber keineswegs abgeschafft.

Übersehen wird oft, dass Deutschland kein laizistisches Land ist, wie etwa Frankreich oder die Türkei, wo Staat und Religion laut Verfassung strikt voneinander getrennt sind. Im deutschen Grundgesetz ist eine solche Trennung jedoch nicht vorgesehen. Autoritäre Tendenzen Erdogans werden fälschlicherweise als islamistisch verstanden. Aller demonstrativen Frömmigkeit zum Trotz ist Erdoğan kein Islamist“, schreibt die bekannte Zeit-Journalistin Çiğdem Akyol in ihrem 2016 erschienen Buch „Erdoğan: Eine Biografie“. Die AKP ist eine Dachpartei, unter der sich viele konservative und auch wirtschaftsliberale Strömungen unter der Person Erdoğan sammeln. Die Einführung der Scharia ist der großen Mehrheit ein Gräuel.

Eine islamistische Leseart des Rabbiagrusses verbietet sich daher.

Cilja Harders, Leiterin der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients an der Freien Universität Berlin, betont, dass die Rabbia-Hand breiter einzuordnen ist. Der Islam- und Politikwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders hebt hervor: „kein dezidiertes Zeichen für islamischen Radikalismus. Es hat durchaus eine Bedeutungserweiterung erfahren hin zu Protest gegen Diktatur und Willkürherrschaft im Allgemeinen. Das zeigte sich besonders nachdem Putschversuch -der eben kein säkularer war- in der Türkei. Seither steht der Rabbiagruss im türkischen Kontext für tek millet, tek bayrak, tek vatan, tek devlet. (Eine Nation, eine Fahne, ein Land, ein Staat). Der Rabbia-Gruss hat sich in seiner Bedeutung auch unter den konservativen Türken gewandelt.

Wie verhält es sich aber mit dem Wolfsgruss? Bei der Moschee-Eröffnung in Köln sah man selbst kleine Mädchen mit dem Wolfsgruss. Hasnian Kazim sprach in dem Zusammenhang von der türkische Pegida. Die Analogie passt nicht. Wo wurden da Menschenfeindlichkeit und Hass geschürt? Das im Spiegel-Magazin lächelnde kleine Mädchen kann man nicht mit einem echten Nazi, der den Hitlergruss macht vergleichen. Der „Wolfsgruss“ wird mittlerweile selbst von der türkischen Linke benutzt. Kilicdaroglu macht ihn auch und er gehört zum linken Flügel der türkischen Sozialdemokratie. Er war auch Vorsitzender der sozialistischen Internationalen. Auf dem Gerechtigkeitsmarsch gegen Erdogan sah man Kilicdaroglu mit dem Wolfsgruss während er zusammen mir Sezei Gemelli (Parteivorsitzender der HDP) marschierte. Dadurch dass das Viktory-Zeichen von Separatisten besetzt ist und Konservative eher den Rabbia-Gruss machen, dient der Wolfsgruss der Abgrenzung. Es hat durchaus eine Bedeutungserweiterung erfahren hin zum türkischen Viktory-Zeichen. Was er auch historisch betrachtet eigentlich schon seit mehreren tausend Jahren ist.

Der Wolfsgruss hat mittlerweile keine explizit völkische Bedeutung mehr und anders als der Hitlergruss ist er auch nicht historisch belastet.

Obwohl der Wolfsgruss auch bei IYI, CHP und AKP-Anhänger verbreitet ist, wird in dem Zusammenhang gerne auf die vermeintlich türkische Rechtsextreme in Deutschland hingewiesen, die um ein vielfaches mehr Mitglieder hat als die NPD.

Ist der Vergleich mit der NPD überhaupt geboten? Die MHP ist eine der wichtigsten türkischen Parteien der politischen Rechte, die während der 1970er-Jahre an gewalttätigen politischen Auseinandersetzungen beteiligt war. In den letzten Jahrzehnten jedoch hat sich die Partei immer weiter in die politische Mitte bewegt und ist heute eine rechtskonservativ-säkulare Alternative zur AKP in der politischen Mitte. Hass und Hetze wie bei der NPD oder der AFD sucht man selbst in der sozialen Netzwerken vergeblich. Obwohl wir keine Aussage über jeden der unabhängigen „Idealistenvereine“ in Deutschland treffen können, wird doch deutlich, dass es sich bei diesen, und erst recht beim Dachverband – „Almanya Türk Federasyonu“ – keineswegs um „türkische Neofaschisten“ oder ähnliches handelt. Das öffentliche Bild von dieser Partei scheint in den 70er-Jahren stehengeblieben zu sein.

Nicht alles, was nicht progressiv ist, ist faschistisch. Und nicht alles, was sich politisch aus linker, aufklärerischer, emanzipatorischer oder nationalistisch-assimilationistischer Sicht negativ auswirkt, kann deswegen auch mit faschistischen Bewegungen oder gar ihrer schlimmsten historischen Ausformung – dem Nazismus – assoziiert werden. Ideologische Bannflüche aus Europa werden wenig helfen. Gefuchtel mit Schaum vor dem Mund dürften eher zum Gegenteil des gewünschten Erfolgs führen. 

Quelle:

https://www.handelsblatt.com/politik/international/aegypten-erdogan-wirbt-fuer-saekularen-staat/4604288.html

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