„Deutschenfeindlichkeit“?

„Deutschenfeindlichkeit“?

Verhält sich Jürgen aufmüpfig gegenüber seine Lehrerin, so gilt er einfach nur als schlecht erzogen, die Gründe für sein Handeln liegen im Individuum. Steht bei einem vergleichbaren Sachverhalt der Lehrerin aber Enes gegenüber, liegt es an der angeblich frauenunterdrückenden türkischen Kultur. Gleich einer Borg-Drohne resultiert Enes Verhalten also unmittelbar aus dem vermeintlichen Kollektivcharakter der Türken. Während Jürgen also biologisch „dazugehörig“ ist und einfach Mal einen schlechten Tag hatte, muss Enes an „westliche“ Werte herangeführt werden, obwohl Enes türkischer Hintergrund objektiv betrachtet selbstverständlich auch „westlich“ ist. Es ist aber der durch die Medien verbreitete virtuelle Islam, der besagt, dass Enes fremd ist und es so etwas wie eine „islamische Welt“ bzw. eine Gegenwelt zur westlichen Welt gibt.

Tatsächlich fühlt sich aber eine überwältigende Mehrheit der türkeistämmigen Bürger eindeutig als Europäer. Es gab auch noch nie einen Terroranschlag von Türkischstämmigen. So etwas wie europäische Kolonialherrschaft oder Hunger kennen sie nicht. Die gesellschaftliche Partizipation der türkischen Frau erfolgte weit vor den meisten anderen europäischen Länder. Wenn von islamischer Rückständigkeit die Rede ist, dann trifft das nicht auf die Türken zu.

Selbstverständlich muss man die Übergriffe und Beleidigungen gegen „Deutsch-Deutsche“ ernst nehmen. Es bleibt aber fraglich, warum es solche Vorfälle nicht auf Schulen gibt, die von gutbürgerlichen türkischstämmigen Schülern besucht werden. Offenkundig handelt sich um ein schichtspezifisches und damit soziales Phänomen handelt. Türkischstämmige Frauen weisen eine vergleichbare Fertilität und die türkische Minorität macht gerade einmal 2,3% der Bevölkerung aus. Alleine rein rechnerisch kann der mediale Hype nicht der Wirklichkeit entsprechen.

Wenn Türkischstämmige vereinzelt durch aggressive Äußerungen gegenüber ihre deutsche Heimat auffallen, stellt sich zudem die Frage, inwiefern es sich hierbei um die Übernahme ethnisierender Zuschreibungen und die Rückgabe erlebter Diskriminierungen handelt.
Aufgrund der medialen Hetze und der Enttäuschung vieler Türkischstämmigen, drückt sich die Ablehnung nicht selten im Verlangen nach Differenz aus. Es darf nicht vergessen werden, dass die Zuschreibungsmacht bei der der Mehrheitsgesellschaft liegt und keineswegs bei den 2,3% der Türkischstämmigen. Wenn die Mehrheitsgesellschaft, Türkischstämmige nach einem halben Jahrhundert ständig als „Fremde“, „Muslime“ oder „Migranten“ bezeichnet, ist eine daraus folgende Selbstethnisierung -die dann auch kritisiert wird – nicht zu verhindern.

Bei dem eigentlich rassistischen Begehren, „Deutschenfeindlichkeit“ mit Rassismus gleichzusetzen, werden die Machtverhältnisse völlig verkehrt. Die Machverhältnisse sind keineswegs symmetrisch, sondern hierarchisch strukturiert. Deutsch-Deutsche können individuelle Ausgrenzungserfahrungen machen, sie sind aber keinem strukturellen Rassismus ausgesetzt, der Ihnen den Zugang zum Arbeits- oder Wohnungsmarkt erheblich erschwert. Rassismus kann es nur mit einer Machtposition geben.

Vorurteile, auch wenn sie tief im kulturellen Gedächtnis verankert sind, sind keine archetypischen Unabänderlichkeiten, an die wir ewig gefesselt wären, sondern sie sind dem Wandel unterworfen. Sie lassen sich auflösen, durch kritische Reflexion und durch Entmythologisierung. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten.
Devrim S.

Deutsch-Türkische Akademiker e.V.

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