Kreationismus auf dem Vormarsch?

Kreationismus auf dem Vormarsch?

Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet. Laut dem US-Fachblatt „Science“ liegt die Evolutionsakzeptanz in Deutschland bei etwa 70 Prozent. Deutschland landet damit auf Platz 10 der Industrieländer. Die USA sind auf dem vorletzten Platz – vor der Türkei. In den USA kämpfen Kreationisten seit Jahrzehnten um den Einzug der Schöpfungslehre in den Biologieunterricht. Gesiegt hat die Evolutionstheorie – zumindest im Gerichtssaal. In der Türkei wurde die Evolutionstheorie nun gänzlich aus dem Lehrplan gestrichen.

Kreationismus ist Glauben und Glaubensinhalte gehören in die Sphäre des rein Spekulativen. Also in den Religionsunterricht und nicht mehr. Da auch mit der neuen türkischen Verfassung sich nichts an der festen Verankerung des Laizismus geändert hat, ist dies ein klarer verfassungswidriger Schritt. Der türkische Rechtsstaat muss sich jetzt beweisen. Die Verbindlichkeit, die Legitimität eines laizistischen bzw. eines säkularen Staates wird immer auf wackligen Füssen stehen. Die Erfahrung mit der FETÖ hat gezeigt, dass die Trennung von Staat und Religion unabdingbar ist.

Das Argument der nicht reduzierbaren Komplexität

Eine beliebte Argumentationsstrategie der Evolutionsgegner bzw. der Kreationisten besteht darin, die natürliche Entstehung des Lebens auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeitsberechnungen infragezustellen. Die Vertreter des Intelligent Design haben sogar den Anspruch wissenschaftlich zu sein aber auch sie setzen den Glauben an die Stelle der Wissenschaft. Sie sagen, dass es biologische Strukturen gibt, die nur funktionieren, wenn eine große Anzahl von Einzelteilen am richtigen Platz sind. Eine Evolution müsste sie alle zufällig erzeugt und dann auch noch richtig zusammengesetzt haben. Einzeln hätten die Teile aber keinerlei Selektionsvorteil. Also wären sie bei der Evolution wieder verschwunden, bevor sie zusammenkommen konnten, um ihre jetzige Funktion zu erfüllen. Aus der Laiensphäre heraus mögen Organe wie das menschliche Auge zu komplex erscheinen um auf natürlichem Weg entstanden zu sein. Bislang konnte aber keine nichtreduzierbar komplexe Struktur nachgewiesen werden, deren Entstehung durch natürliche Mechanismen nachweislich ausgeschlossen werden konnte. Zudem hätte ein kosmischer Ingenieur Perfektes geschaffen. Das ist aber nicht der Fall. Evolutionsbiologie kann problemlos erklären, warum 99,99 Prozent aller jemals bestehenden Arten wieder ausgestorben sind.

Es existiert gar keine wissenschaftliche Kontroverse. Das Problem ist, dass man von einem nicht vorhandenen Grundlagenwissen zur Evolution profitiert. Mit dem Argument der nicht reduzierbare Komplexität appelliert man an die Gefühle. Es bleibt eine Hintertür offen für den Eingriff von etwas, was sich nicht mit den Naturgesetzen beschreiben lässt.

Glauben und Wissenschaft passen durchaus zusammen

Kreationisten reduzieren die Evolutionstheorie auf eine bloße Zufallstheorie um sie als Ganzes zu diskreditieren. Ist die Evolution nur Zufall oder vorhersehbar? Würde das Ganze zwangsläufig wieder so verlaufen, wenn man die Erdgeschichte „zurückspulen“ würde? Es gibt auch Anhaltspunkte, die eine andere Perspektive erlauben. Viele Tierarten haben unabhängig voneinander die gleichen Organe entwickelt. Hinter dem Phänomen verbirgt sich ein Grundprinzip der Natur -die Konvergenz. Bestimmte evolutionäre Entwicklungen, wie beispielsweise die Intelligenz, mussten zwangsläufig im Laufe der Evolution auftreten. Demnach könnte man die Evolution zumindest teilweise als gerichtet betrachten -wenn man so will.

Nach unserem Stand der Erkenntnis erscheint der gesamte Kosmos, von der Anfangsphase bis hin zur Entstehung von Leben hochgradig abgestimmt. Eine sehr große Zahl von Bedingungen muss erfüllt sein, um Leben zu ermöglichen. Natürlich kann das was heute als umgemein abgestimmt erscheint, vielleicht durch eine künftige Theorie erklärt werden. Die Mehrweltentheorie, die von der Existenz vieler Parallelwelten ausgeht, die nicht beobachtet werden können, kann zwar die Existenz des einen hoch abgestimmten Kosmos erklären aber sie ist tendenziell eher eine metaphysikalische Theorie und steht damit auf einer Stufe mit dem Glauben an einem Schöpfergott.

Man könnte durchaus sagen, dass das Universum so beschaffen ist, dass intelligentes Leben im Laufe seiner Entwicklung entstehen musste.

Der biologische Kismet

Das es auch so etwas wie ein „biologisches Kismet“ geben könnte, zeigt die Hirnforschung. Das Gefühl, dass wir selbst unsere Handlungen steuern -dieses Gefühl sei nichts als Illusion. Hirnforscher zeigten in einer Reihe von Experimenten, dass Entscheidungen bereits gefällt werden, bevor das Bewusstsein von ihnen Kenntnis nimmt. Die Freiheit wird lediglich vorgegaukelt.

Wir meinen zwar zu wissen, warum wir etwas tun aber in Wahrheit tappen wir im Dunkeln. Die Begründung für eine Handlung wird ex post konstruiert auch wenn wir es subjektiv anders empfinden und doch gibt es viele empirische Evidenzen, dass wir imstande sind, eine Handlung zu unterlassen. Selbst ohne absolute Willensfreiheit sind wir also keine blinden Automaten.

Die begrenzte Vorherbestimmung spielt auch im Islam eine große Rolle. Dies wird oft als „Kismet“ missverstanden, der Islam befürwortet aber keine passive Schicksalsergebenheit. Jeder Gläubige sollte sich aktiv um die Verbesserung seiner Situation, der seiner Mitmenschen und seiner Umwelt bemühen. Auch hier zeigt sich eine Vereinbarkeit zwischen Wissenschaft und Glauben.

Letztlich bleibt auch für die streng Gläubigen die Empfehlung sich an das erste Wort im Koran zu halten -LIES!

 

Devrim S.

Deutsch-Türkisch Akademiker (DTA)

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