Nazis, Atatürk und der Islam

Nazis, Atatürk und der Islam

Aus der Islam-sells-Reihe wird in den deutschen Medien gerade ein Buch des Historikers David Motadel behandelt, in der Hitler islamophile Neigungen angedichtet werden. Bereits 2015 waren im Stefan Uhrigs Buch die „Nazis im Türkenfieber“. Der Focus-Journalist Armin Fuhrer (Axel-Springer-Journalistenschule) feiert diese „bahnbrechende“ Entwicklung.

Das ist Teil einer längeren Entwicklung, die sich bereits seit der Sarrazin-Debatte abgezeichnet hat.

Ja es stimmt, zehntausende Muslime kämpften in der Wehrmacht und SS. Sie wurden an allen Fronten eingesetzt, von Stalingrad bis Berlin. Allerdings hatten sie keine religiösen Motive. Auch Deutsche Soldaten kämpften im 1.Weltkrieg in der osmanischen Armee. Militärische Interessen machten die Staaten wie so oft zu Waffenbrüdern. Das Hitler-Deutschland diese bereits gewonnene Nähe aus strategischen Gründen fortführen wollte, erklärt sich von selbst.

Die deutsche Bewunderung für die Türken war stets eine Bewunderung aus der Distanz. Das war auch im Nationalsozialismus nicht anders. In Gelehrten-, Industrie- und Bankenkreisen kursierten Vorstellungen, die „muslimischen Völker“ würden nur darauf warten, „durch die deutsche Überlegenheit“ zu neuer Macht und Blüte zu gelangen, wie es in einer der vielen politischen Denkschriften jener Zeit hieß.  So viel zum angeblichen „Türkenfieber“ der Nazis.

Das man in den letzten Jahren auf einmal eine kausale Verbindung von Hitler-Deutschland, dem  Islam und sogar mit dem laizistischen Revolutionär Atatürk -gilt doch die kemalistische Revolution als fundamentaler Bruch mit der Vergangenheit des Osmanischen Reiches- erkennen will, sagt viel über den aktuellen Geisteszustand.

Ja, ein starker Mann brachte das Land mitunter höchst zweifelhaften Methoden auf einen Modernisierungspfad. Auch der Neubau ganzer Städte, wie Atatürk ihn vorantrieb, mag zur Begeisterung in Deutschland geführt haben aber hier versucht man aus dem Staatsgründer der Türkei den Ur-Nazi zu machen. Atatürk forderte die Gleichberechtigung der Frau und kleidete sich wie ein britischer Dandy. Ausgerechnet er soll Hitlers großes Vorbild gewesen sein?

Hitler wird in den letzten Jahren zu einem bloßen Epigon Atatürks degradiert. Man schafft es sogar das „türkische Nazireich“ in die Moderne zu retten. Dazu wird der ethnische Georgier Erdogan zu einem aggressiv-völkischen Islamo-Nationalisten erklärt und schwupp hat man den großen Bogen zu Atatürk. Der nicht ausformulierte „Erdoganismus“  soll angeblich in Vielem dem Kemalismus folgen. Offenkundig will man die deutsche Geschichte relativieren bzw. mit einer zeitgerechteren islamisierten Version ersetzen. Das ist nichts anderes als die Umkehrung der Geschichte.

Der Kemalismus ist auch heute noch zu verschiedenen Seiten hin anschlussfähig. Sowohl linke als auch rechte Türken vereinnahmen Atatürk für sich. Wenn man böswillig ist, kann man aus Atatürk auch den Ur-Nazi machen. Allerdings hegte Atatürk keinerlei Sympathien für Adolf Hitler. Sein berühmtester Satz ist: Frieden in der Heimat. Frieden in der Welt. Auch Atatürks Rede an die Anzac erweist ihn als absoluten Anti-Nazi: „Mütter, die Eure Söhne aus fernen Ländern zum Krieg geschickt habt. Seid nicht mehr traurig. Denn wir haben Eure Kinder fest in unsere Herzen geschlossen. Nachdem sie ihr Leben auf diesem Boden gelassen haben, sind sie nun unsere Kinder.“ Er machte sich auch für die Frauen sehr stark und gilt heute noch als Symbol für den türkischen Feminismus. Für die Nazis waren Frauen nur Gebärmaschinen. Ein Vergleich mit Hitler verbietet sich da einfach.

Atatürk ist bis heute der Kitt, der eine gespaltene und heterogene türkische Gesellschaft zusammenhält. „Der Name Atatürk“, so sagte ein anderer großer Politiker über den türkischen Visionär, „erinnert mich an die historischen Siege eines der größten Männer dieses Jahrhunderts, an seine schöpferische Fähigkeit zu regieren, an seine Weitsicht, an seinen großen Mut und an sein Können als Soldat.“ Das Lob kam von John F. Kennedy. Wer sagte so etwas über Hitler?

Devrim Sirin (DTA)

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