Partizipation ist ein Menschenrecht

Partizipation ist ein Menschenrecht

Woran liegt es, dass türkische Premiers Ansprachen auf Kurdisch und Amerikas Präsidenten Ansprachen auf Spanisch halten können, während eine deutsche Bundeskanzlerin, sollte sie auf die Idee kommen, ein Wort Türkisch zu sprechen, wahrscheinlich sofort den Vorwurf der Kapitulation vor den osmanischen Invasoren auf sich ziehen würde? Warum ist es im Deutschen Bundestag bislang fern jeder Vorstellung, Türkischkurse für Mitarbeiter von Abgeordneten anzubieten, die Wahlkreise mit einem hohen Anteil an Makelhintergründler vertreten? Im US-Kongress sind Spanischkurse eine absolute Selbstverständlichkeit. Noch immer gilt unter Wahlkämpfern: Mit einer liberalen Politik lassen sich Wahlen verlieren – aber niemals gewinnen. Der Appell an niedere Instinkte hilft, eigene Wähler zu mobilisieren. Die konstruierte Klage über mangelnde „Anpassung an die deutsche Leitkultur“ lohnt sich immer.

Damit Menschen unterschiedlicher ethnisch-kultureller Herkunft eine zivile Identität und ein gemeinschaftliches demokratisches Verständnis erwerben können, sind offene Beteiligungsstrukturen von Nöten. Es kann zu Spannungen führen, wenn Türken, die schon in der dritten oder vierten Generation in Deutschland leben, politisch nicht teilhaben dürfen, während frisch eingewanderte EU Bürger z.B. aus Polen und Rumänien politisch durchaus durchaus aktiv werden. Dies kann Frustration und Resignation hervorrufen und zur einer inneren Verabschiedung von Deutschland führen. Wir sprechen immerhin von 1,5 Mio Bürgern mit türkischer Staatsangehörigkeit.

Es ist heute mehr denn je erforderlich, dass Türkeistämmige stärker in die politischen und gesellschaftlichen Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Dabei spielt das politische Selbstvertrauen und Kompetenzbewusstsein , d. h. das Gefühl, wirkliche Einflussmöglichkeiten zu haben, eine wesentliche Rolle. Viele Türkeistämmige geben an, dass die Parteien ihre Themen überhaupt nicht repräsentieren und sie selbst als aktive Mitglieder keinerlei Mitspracherecht hätten. Die Türkeistämmigen müssen immer noch draußen bleiben, doch die Gesellschaft ist längst eine andere. Sie ist viel kosmopolitischer, als sich ihre Politiker eingestehen und die weißen Redaktionen der Leitmedien darstellen. Diese Lebenslüge muss endlich beseitigt werden.

Aber was können die Türkeistämmigen für sich selbst tun? Woran sollten sie sich orientieren? Wie stark können sie ihr Schicksal mitbestimmen?

Die Türkeistämmigen müssen ihre von der deutschen Mehrheitsgesellschaft zugewiesene Rolle der „Ausländer“ selbstbewusst ablehnen und ihren Lebens- und Interessensmittelpunkt in der hiesigen Gesellschaft sehen ohne ihre Wurzeln aufzugeben. Sie müssen sich erstmal außerparlamentarisch organisieren z.B. in der DTA und erst dann, wenn sich ein gewisser Einfluss konkretisiert hat, den Weg in die Parteien suchen und über die Parteigrenzen hinweg die Vernetzung weiter forcieren. Der Lobbyismus ist heute zu einer stillen fünften Gewalt gewachsen. Die Wirtschaftskraft von Unternehmen aus der eigenen „Community“ muss man nutzen. Erst dann werden sich die Parteien nicht mehr den Türkeistämmigen verweigern können.

Es liegt an Euch!

Devrim Sirin Deutsch-Türkische Akademiker (DTA)

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1 Kommentar

  • Geschrieben 9. August 2016

    Hüseyin

    Ich bin hier in Deutschland geboren, jetzt werde ich vertrieben in ein Land wo ich keine Familie und Sozialesumfeld habe.

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