Türkei: Soziale Kontrolle und soziale Disziplinierung

Türkei: Soziale Kontrolle und soziale Disziplinierung

Weil sie „die Institution der Familie beschädigen“, hat die türkische Regierung „merkwürdige“ Fernseh- und Radiosendungen untersagt, in denen Paare verkuppelt werden.

Die Idee, die hinter dem Verbot der Kuppelei steht, ist der Schutz der Sittlichkeit. Verhindert werden sollen für die Sittlichkeit zu befürchteten nachteiligen Folgen. Offenkundig sieht sich die türkische Regierung als Schutzwall gegen den vermeintlichen Sittenverfall.

Allerdings dient die laizistisch geprägte türkische Gesetzgebung nicht dazu, moralisch konformes Verhalten durchzusetzen. Eine Sendung kann nicht allein deshalb verboten werden, weil sie aus konservativer AKP-Sicht als unmoralisch gilt, sondern nur dann, wenn sie wirklich sozialschädlich ist.

Eingriffe des Staates sind nur geboten bei Angriffe auf die Jugend, soweit diese Jugend dadurch in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden kann, und Angriffe auf Erwachsene, soweit dabei Gewalt oder Nötigung angewendet werden oder ein Mißbrauch Wehrloser vorliegt.

Darüber hinaus geht der Privatbereich des Bürgers dem Staat schlicht überhaupt nichts an. Die Beschwerden von einigen Bürgern sind völlig unbeachtlich. Wer als Bürger solche Sendungen nicht anschauen will, muss es auch nicht. Für manch selbstgerechten Türken gilt: „Wenn ich mich selbstmotiviert einschränke, soll sich auch sonst Niemand amüsieren.“

Mag zwar das Niveau diverser Sendungen fragwürdig sein. Der mündige Bürger ist grundsätzlich für sich selbst verantwortlich. Staatliche Eingriffe, die diese Grenzen überschreiten, greifen in unangemessener Form in den Privatbereich des Bürgers ein; sie stiften mit ihren vielfältigen Gefahren für eine moralisierende Bevormundung des Bürgers, mehr Schaden als Nutzen. Zumal das auch Ausstrahlungskraft auf die Gesellschaft hat. Mögen die Übergriffe privater Sittenwächter gegen nicht Fastende, trinkende Partymenschen bzw. einfach gegen Andersdenkende die Ausnahme sein, darf so ein Verhalten nicht vom Staat evoziert werden.

Weite Teil der türkischen Gesellschaft stehen dem angeblichen „Unterschichtsfernsehen“ durchaus auch kritisch gegenüber. Die meisten Menschen sind aber nicht bereit sich belehren und bevormunden zu lassen -von keiner Partei!

Devrim Sirin

Deutsch-Türkische Akademiker (DTA)

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