Wenn Männer mit sich selbst reden

Wenn Männer mit sich selbst reden

Je mehr ich beruflich bedingt mein soziales Umfeld verlasse,  fällt  mir das Phänomen, der  Selbstgespräche führende Männer um die 50 auf. Anfangs ging ich von Einzelfällen aus aber gerade im Ruhrpott, sind viele Männer davon betroffen. Niemand möchte wirken wie ein alter Mensch, der langsam seltsam wird und doch scheinen sie nicht anders zu können. Manche reden ihre  jahrelange Einsamkeit weg oder tun es, um ihre Stimme zu hören und sich selbst so wahrzunehmen.

Einer meiner Nachbarn ist diesen Sommer verstorben. Ein alleinstehender älterer Herr, Anfang bis Mitte 60, nicht wirklich gesprächig, aber immer sehr herzlich und hilfsbereit. Er wohnte schon seit Anfang der 90er Jahre in diesem Haus. Ich erfuhr davon durch den „Flurfunk“, da sein Briefkasten zugeklebt war, ich mich gefragt hatte wieso und einen anderen Hausbewohner darauf angesprochen habe. Das war erst vor wenigen Tagen.

Ich habe mit ihm nie mehr als ein paar Worte gewechselt. Aber man merkte recht deutlich, dass er allein war – er wohnte Jahrzehnte allein in dieser Wohnung, mit Begleitung habe ich ihn in den 5 Jahren, in denen ich hier wohne, glaube ich nur einmal gesehen. Er war sicherlich nicht verarmt, heruntergekommen oder ähnliches – diese Wohngegend ist jetzt nicht gerade die günstigste der Stadt. Aber ich glaube nicht, dass er viele Freunde hatte. Seine Wohnung hat seine Schwester ausgeräumt – allein.

Ich kann mir nicht helfen – es macht mich traurig. Obwohl man nur wenige, aber freundliche Worte gewechselt hat, obwohl ich ihn meistens dann gesehen habe, wenn er vor dem Fenster herlief – man fragt sich unwillkürlich, was wohl in ihm vorgegangen ist. Ob er glücklich oder unglücklich war mit seinem Leben. Ob er sich mal etwas ganz anderes gewünscht und dann aufgegeben hat, oder ob er das so gut fand, wie es war. Wie er seinen Tag verbracht hat. Ob ihn jemand nun vermisst und um ihn weint. Ob Menschen sich an ihn erinnern. Ob etwas von ihm bleiben wird.

Ist es sentimental, sich solche Gedanken über jemanden zu machen, den man kaum kannte? Es ist so seltsam, wie das Leben im Haus dann weitergeht, als sei nichts gewesen: Man trifft sich und grüßt sich, die Nachbarin im ersten Stock hört Musik und saugt Staub, der andere Nachbar im Erdgeschoss stellt sein Fahrrad im Flur ab, wie jeden Tag. Oben wird eine Wohnung ausgeräumt, zack, dann ist sie leer, zack, dann wird sie neu zur Vermietung freigegeben, zack, ein neuer Mieter zieht ein und weiter geht’s. Die Identität, der Besitz, das Leben des verstorbenen Vormieters – nein, eben nicht nur eines „Mieters“, eines Menschen, mit Wünschen und Hoffnungen, mit Gefühlen und Gedanken – sie verschwinden binnen weniger Wochen komplett aus der Wohnung, die jahrzehntelang sein Heim war, wie ein Gebrauchsgegenstand.

Aber was bleibt?

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